Das Wort zum Sonntag – Im Zeichen des Todes

Man vermutet, die folgenden Zeilen entstanden im Mai 1852. Theodor Storm selbst erklärte damals: „Das Gedicht wurde zur stillen Abwehr gegen die Brutalität und Gemeinheit, wie sie nach Verhältnissen, welche wir hier gehabt, wohl überall zutage kommen – und aus vollstem Herzen geschrieben…“

Lassen wir ihn für uns sprechen:

Noch war die Jugend mein, die schöne, ganze,
Ein Morgen nur, ein Gestern gab es nicht;
Da sah der Tod im hellsten Sonnenglanze,
Mein Haar berührend, mir ins Angesicht.
Die Welt erlosch, der Himmel brannte trübe;
Ich sprang empor entsetzt und ungestüm.
Doch er verschwand; die Ewigkeit der Liebe
Lag vor mir noch und trennte mich von ihm.
Und heute nun – im sonnigen Gemache
Zur Rechten und zur Linken schlief mein Kind;
Des zarten Atems lauschend, hielt ich Wache,
Und an den Fenstern ging der Sommerwind.
Da sanken Nebelschleier dicht und dichter
Auf mich herab; kaum schienen noch hervor
Der Kinder schlummerselige Gesichter,
Und nicht mehr drang ihr Atem an mein Ohr.
Ich wollte rufen; doch die Stimme keuchte,
Bis hell die Angst aus meinem Herzen schrie.
Vergebens doch; kein Schrei der Angst erreichte,
Kein Laut der Liebe mehr erreichte sie.
In grauer Finsternis stand ich verlassen,
Bewegungslos und schauernden Gebeins;
Ich fühlte kalt mein schlagend Herz erfassen,
Und ein entsetzlich Auge sank in meins.
Ich floh nicht mehr; ich fesselte das Grauen
Und faßte mühsam meines Auges Kraft;
Dann überkam vorahnend mich Vertrauen
Zu dem, der meine Sinne hielt in Haft.
Und als ich fest den Blick zurückgegeben,
Lag plötzlich tief zu Füßen mir die Welt;
Ich sah mich hoch und frei ob allem Leben
An deiner Hand, furchtbarer Fürst, gestellt.
Den Dampf der Erde sah empor ich streben
Und ballen sich zu Mensch- und Tiergestalt;
Sah es sich schütteln, tasten, sah es leben
Und taumeln dann und schwinden alsobald.
Im fahlen Schein im Abgrund sah ich’s liegen
Und sah sich’s regen in der Städte Rauch;
Ich sah es wimmeln, hasten, sich bekriegen
Und sah mich selbst bei den Gestalten auch.
Und niederschauend von des Todes Warte,
Kam mir der Drang, das Leben zu bestehn,
Die Lust, dem Feind, der unten meiner harrte,
Mit vollem Aug ins Angesicht zu sehn.
Und kühlen Hauches durch die Adern rinnen
Fühlt ich die Kraft, entgegen Lust und Schmerz
Vom Leben fest mich selber zu gewinnen,
Wenn andres nicht, so doch ein ganzes Herz.
Da fühlt ich mich im Sonnenlicht erwachen;
Es dämmerte, verschwebte und zerrann;
In meine Ohren klang der Kinder Lachen,
Und frische, blaue Augen sahn mich an.
O schöne Welt! So sei in ernstem Zeichen
Begonnen denn der neue Lebenstag!
Es wird die Stirn nicht allzusehr erbleichen,
Auf der, o Tod, dein dunkles Auge lag.
Ich fühle tief, du gönnetest nicht allen
Dein Angesicht; sie schauen dich ja nur,
Wenn sie dir taumelnd in die Arme fallen,
Ihr Los erfüllend gleich der Kreatur.
Mich aber laß unirren Augs erblicken,
Wie sie, von keiner Ahnung angeweht,
Brutalen Sinns ihr nichtig Werk beschicken,
Unkundig deiner stillen Majestät.

(* 14. September 1817; † 4. Juli 1888)

De mortuis nil nisi bene dicendum!

24 thoughts on “Das Wort zum Sonntag – Im Zeichen des Todes

  1. „Wissen heißt, die Welt verstehen;
    Wissen lehrt verrauschter Zeiten
    und der Stunde, die da flattert,
    wunderliche Zeichen deuten.
    Und da sich die neuen Tage
    aus dem Schutt der alten bauen,
    kann ein ungetrübtes Auge
    rückwärts blickend vorwärts schauen.“

    (von Friedrich Wilhelm Weber)

  2. Ach, Deutsch ist doch die schönste Sprache der Welt…

    Die Luft ging durch die Felder,
    Die Ähren wogten sacht,
    Es rauschten leis‘ die Wälder,
    So sternklar war die Nacht.

    Und meine Seele spannte
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    Als flöge sie nach Haus.

  3. Haltet den Kopf erhoben und beugt Euch nicht. Ich möchte mit einem Gedicht antworten, das Neidhart von Gneisenau einer Denkschrift als Leitwort beifügte.

    Plötzlich kann sichs umgestalten !
    Mag das dunkle Schicksal walten !
    Mutig auf der steilsten Bahn !
    Trau dem Glücke, trau den Göttern,
    steig trotz Wogendrang und Wettern,
    kühn wie Cäsar in den Kahn.
    Laß den Schwächling angstvoll zagen,
    wer um Hohes kämpft, muß wagen.
    Leben gilt es oder Tod.
    Laß die Woge donnernd branden,
    Nur bleib immer – magst du landen
    oder scheitern – selbst Pilot.

    Berlin unter Fremdherrschaft, 8. August 1811

  4. Meine Gedanken zu dem Storm Gedicht oben „Im Zeichen des Todes“ :
    1. Das erste Mal trifft er den Tod in der Jugend. Es schien für ihn nur Zukunft und Morgen zu geben. Und da kam der Tod „im hellsten Sonnenglanze“ und sah ihm ins Angesicht. – Für einen Jugendlichen eine ungewöhnliche Erfahrung.
    2. Das zweite Mal hat er jetzt schon selber Kinder. Die sind selber nicht betroffen, die schlummern selig. Aber er hat Angst und seine Schreie erreichen sie nicht mehr. Es ist in der Nacht, es ist dunkel. Und der Tod sieht ihm ins Auge. – Er flieht aber nicht, sondern erwidert den Blick. Und bekommt dabei ein Vertrauen zu dem, der seine Sinne gefesselt hat, zum Tod, dem er jetzt vertraut.
    3. Und als er nun dem Tod getrotzt hat, da steht er nun hoch und frei über allem Leben. Von dem furchtbaren Fürst, dem Tod also, dort hin gestellt. Er sieht nun hinab auf das Leben in Mensch- und Tiergestalt, sieht es leben, taumeln, schwinden, wimmeln, hasten, sich bekriegen.
    4. Und als er nun von da oben runterschaut, bekommt er Lust das Leben zu bestehen: will seinem Feind unten mit vollem Aug ins Angesicht sehen.
    5. Er sieht einen Vorteil drin, den Tod geschaut zu haben: du gönnst nicht allen dein Angesicht. Die meisten sehen dich erst, wenn sie dir taumelnd in die Arme fallen, wie’s jeder Kreatur beschieden ist.
    6. Und er, der den Tod gesehen hat beobachtet, wie sie, die kleinen Menschen, ohne Ahnung „brutalen Sinns“ ihre nichtigen Werke verrichten, unkundig des Todes und ohne Ahnung, daß das meiste Treiben über kurz oder lang sinnlos vergangen sein wird.
    Das hat jemand reingestellt, der selber „mit dem Tod gepokert“ hat.-
    Moral von der Geschicht‘: wenn jemand z.B. im Ersten Weltkrieg vier Jahre im Schützengraben lag und links und rechts sind die Granaten eingeschlagen und die Leute gestorben, und selber ist man durch gekommen, dann erschreckt einen nichts mehr, dann sieht man die Dinge mit Abstand. – Oder statt Krieg kann’s auch eine Krankheit, ein Unfall sein, die man überlebt hat usw. (Niki Lauda?)

    • „Das hat jemand reingestellt, der selber „mit dem Tod gepokert“ hat.“

      Das habe ich. Nicht nur einmal… Dazu sollte erwähnt werden, dass ich die entscheidenden Situationen nicht alle selbst zu verantworten hatte. Auch andere Leute haben mein Leben riskiert. Ich habe ihnen nur vertraut, was wiederum als meine Schuld ausgelegt werden könnte, wenn man sonst nichts zu meckern hat.😉

      Deinen Punkt 2 sehe ich etwas anders. Ich interpretiere das Heute in Storms Worte – somit stellen die Kinder ‚Sorgenkinder‘ links und rechts von einem geraden Weg dar. Unbeeindruckt von dem, was Mutter oder Vater (in dem Fall Recht und Moral) ihnen erklären wollen, ziehen sie unbekümmert ihre Kreise im Schatten der Vergangenheit. Ob sie es nun gut meinen oder nicht, vielen fehlt der Bezug zur Realität. Den Linken häufiger als den Rechten. Das Fatale daran ist, dass sie die Gutmenschen, die glauben, Gutes zu tun, indem sie sich Fehlurteilen anschließen, mit in dieses Trauerspiel hineinziehen. Das macht es für die wenigen Denker des Landes fast unmöglich, sie mit wahren Worten (Storms ‚Schreie der Angst, Laute der Liebe‘) zu erreichen.

      • Du hast hier noch stärker abstrahiert als ich. – Gedichte sind immer eine Art Diamant. Das eigene Licht, das man auf sie wirft, wird gebrochen, gebeugt, reflektiert und kommt verändert zurück. – Darum lässt sich ein gutes Gedicht auch nie abschließend und endgültig interpretieren. –

        • Abstrahieren ist wohl der falsche Ausdruck. Ich habe geschrieben, dass ich es etwas anders sehe. Ich habe nicht behauptet, dass meine Meinung eine abschließende und endgültige Interpretation darstellen soll!😉

  5. Deutschland – Das Land der Dichter und der Denker…und der Musik. Wir waren mal das größte Land der Romantik. Sie ist noch da, nicht weg. Aber versteckt. Früher wurden wir dafür bewundert, heute machen SIE sich alles zu Eigen und tun so, als wäre es kein Teil mehr unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie schreiben jeden Moment für uns neu und damit unsere Zukunft. Wenn wir uns aber gegenseitig Momente der Schönheit, des Wissens, des Denkens schenken, haben die keine Chance.
    Vielen Dank, *Mia, für diese Schönheit, die mich berührt hat (ich kannte das Gedicht vorher nicht!)🙂

    • Gerne🙂 Es ist eines meiner Lieblingswerke, die ich in meiner Selbstfindungsphase bitter nötig hatte. Ich habe mich eine Zeit lang intensiv mit dem Thema Tod auseinandergesetzt und vor etlichen Jahren, nachdem ich ihm das letzte Mal von der Schippe gesprungen bin, auch etwas dazu geschrieben. Wenn ich mich recht erinnere, war es eine Art Dialog oder sogar ein Abkommen, dass ich mit ‚ihm‘ geschlossen habe. Seitdem fürchte ich ihn nicht mehr!😀 Mal sehen, ob ich das nochmal finde…

  6. Geben Dir Deine Erfahrungen den notwendigen Mut? Du scheinst in Deinem jungen Leben (nach dem Alter frage ich natürlich nicht😉 )schon einiges „erlebt“ (durchgemacht) zu haben. Wie andere auch hier. Ich persönlich hatte bisher viel Glück und meine Mühen hatten sich immer gelohnt. Aber darauf möchte ich mich nicht ausruhen, sondern dankbar sein und mir bewußt machen, dass das nicht selbstverständlich war und andere viel mehr kämpfen müssen, um ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen leben zu können. Diesen Menschen versuche ich etwas von mir zu geben. Ich gebe auch zu, dass mir viele Dinge schon Angst machen, weil ich sie nicht kenne oder einschätzen kann. Wenn jemand, so wie Du, schon an seinen Grenzen war, bekommt man sicherlich ein andere Bewußtsein über sich selbst und die eigenen Fähigkeiten. Das macht stark. Erst nachdem ich zu meiner Überzeugung gelangt bin, was Leben und Tod für mich bedeuten, habe ich zumindest vor dem Tod keine Angst mehr. Ich habe Angst um die Menschen, die mir nahe stehen. Denn SIE schrecken vor nichts zurück. Wer hatte um Dich Angst? Hat das Dein Verhalten beeinflusst?

    • Jetzt fällt das Wort schon zum zweiten Mal. Doch was ist „Mut“? Für mich ist er eine Selbstverständlichkeit, für andere mehr. Mut brauchen meiner Auffassung nach nur die, die sich aus einer Sicherheit heraus lösen wollen, um zu sehen, was passiert. Für sie ist es riskant und kommt einer Heldentat gleich, wenn man „mutig“ gewesen ist. Ich hatte aber keine Alternative – mit 7 lernte ich den Duft der Freiheit kennen. Gezwungenermaßen… Einen goldenen Käfig gab es für mich nicht. Meine, für andere als „Mut“ definierte Motivation zu Handeln, ist also mehr ein Selbsterhaltungstrieb, der irgendwann zu risikobereiter Neugierde und immer ‚unmöglicheren‘ Zielen wurde. Ich hatte nichts zu verlieren – das ist heute noch so. ‚Geht nicht, gibt´s nicht.‘😉
      Um mich hatte auch niemand Angst. Zumindest habe ich davon nichts gewusst oder es einfach nicht registriert. Ich habe alles, wovon ich heute weiß, dass es „nicht richtig“ ist, durch schmerzhafte Konsequenzen auf Fehlentscheidungen „lernen“ müssen. Es war keiner da, der mich warnen konnte. Es war auch keiner da, den ich hätte fragen können, wenn ich mal etwas nicht selbst einschätzen konnte. Diese ‚Lehre durch Schmerz‘ wird mich auch weiterhin durch mein Leben begleiten. Mit dem Unterschied: Heute brauche ich niemanden mehr, der mich warnt, weil ich inzwischen gelernt habe, mit (richtigen!) Niederlagen umzugehen und einen positiven Nutzen daraus zu ziehen, anstatt mich hängenzulassen. Ich habe die vielen ’nicht wirklich guten‘ Erfahrungen gebraucht, um zu werden, wie ich bin. Nicht fehlerfrei, aber glücklich und nebenher noch jemand, der fast überall mitreden kann…😀 Jetzt versuche ich meine Erfahrungen weiterzugeben, ohne dabei belehrend zu wirken. Ich will anderen ein Freund sein, der dabei hilft, freie Entscheidungen treffen zu können, die nicht in eine Sackgasse führen. Ich sorge mich um meine Mitmenschen, besonders um unsere Jugend, weil ich sehe, wie plötzlich so viele die Fehler machen, die ich damals zu Beginn meiner Lehre gemacht habe – nur, heute soll das „normal“ sein. Das ist es aber nicht; das darf es nicht sein… Nicht jeder schafft es allein, aus diesem geistigen Sumpf herauszukommen. Da bin ich mir zu 100% sicher.😦

  7. Eine lesenswerte Seite!

    http://www.bombenkrieg.net

    Anmerkung vom Boss: Wenn du so nett wärst und dich zukünftig themenbezogen äußerst, anstatt immer nur irgendwelche Verweise und Videos zu posten, muß ich deine Kommentare auch nicht in den Spamordner verschieben.

  8. Hab ich recht mit der Annahme, das dich, liebe Mia, der 1. Mai und seine Ereignisse in Berlin innerlich aufgewühlt haben ?
    Das aus dem Kampf zwischen dem Wunsch bei den Kundgebungen dabei zu sein und dem sich durchsetzenden Vernunftgedanken, lieber fern zu bleiben, eine gereizte Stimmung entstand, deren Ergebnis auch die Veröffentlichung dieses Gedichtes ist ?

    • Nein. Nicht wirklich…😉 Ich arbeite nur zu viel und kam nicht dazu, ein eigenes Gedicht zu verfassen. Ich fand es passend und habe es Euch nicht vorenthalten. Mehr Gründe gab es nicht. Trotzdem danke, dass Du Dir Gedanken gemacht hast…

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