Fundstück aus Israel: Ein offener Brief an die LINKE(N) in Deutschland

28.03.2010 — ZNet Deutschland

Liebe GenossInnen,

diesen Brief schicken wir Euch als israelische StaatsbürgerInnen, die in linken Gruppen und Organisationen in Israel/Palästina aktiv sind. Diese befassen sich mit Themen wie z.B den Menschenrechten, Ökologie, Frieden, Flüchtlingshilfe, soziale Gerechtigkeit, den Arbeiterrechten, Feminismus und queeren Kämpfen. Wir setzen uns in unserem Land und in unserer Gesellschaft für eine grundlegende soziale Veränderung ein, für das Ende der Besatzung und die Schaffung einer Gesellschaft, in der alle BewohnerInnen des Landes gleiche Rechte genießen.

Wir haben uns zu diesem Brief entschlossen, nachdem uns wiederholt Berichte über Aktivitäten Eurer Partei bezüglich der Situation in Israel/Palästina bekannt wurden, so die Teilnahme von führenden Mitgliedern Euer Partei an einer Demonstration im Januar 2009 in Berlin, auf der die Weiterbombardierung des Gaza-Streifens gefordert wurde; das Bestehen und die Akzeptanz eines Bundesarbeitkreises in Eurer Partei (BAK Shalom), der jedes militärische Vorgehen des Staates Israel unterstützt und militaristische und nationalistische Propaganda betreibt; schließlich das Schweigen der Mehrheit der führenden Parteimitglieder zur israelischen Besatzungspolitik. All das hat uns bewogen, unsererseits nicht länger zu schweigen, sondern zu intervenieren.

Die Problematik einer solchen Intervention ist uns bewusst. Wir haben nicht die Absicht, Euch vorzuschreiben, wie Ihr in Eurem Land zu agieren und Euch zu äußern habt. Wir wissen, dass der politische Diskurs über Israel in Deutschland, aus nachvollziehbaren und gewichtigen Gründen ein sensibles Thema ist. Das Andenken an den Holocaust und der auch heute in Deutschland gebotene Kampf gegen Antisemitismus, gehören zu den wichtigsten Aufgaben jeglicher emanzipatorischen Bewegung. Nicht trotz, sondern gerade aufgrund dieser Tatsache fällt es uns schwer nachzuvollziehen, wie man die israelische Besatzungspolitik in Deutschland als Teil der „Lehren aus der deutschen Geschichte“ rechtfertigen kann.

Wenn wir uns an Euch wenden, so geschieht dies, weil wir um die Bedeutung von Deutschland als regionale Macht innerhalb der EU und darüber hinaus und daher auch um den deutschen Einfluss im Nahen Osten wissen. Die intensiven diplomatischen und militärischen Aktivitäten der Bundesrepublik in der Region und die aktive Unterstützung der israelischen Besatzungspolitik reichen uns, um in der BRD einen der Akteure zu sehen, die für die durch die israelische Regierung begangenen Verstöße gegen das Völkerrecht und für die israelischen Kriegsverbrechen mit verantwortlich sind. Aus diesem Grund denken wir, dass es unser Recht ist, von Euch als AktivistInnen für soziale Veränderung in Deutschland und als Mitglieder in einer Partei, die im Parlament und in regionalen Regierungen vertreten ist, Verantwortung für das Vorgehen Eures Staates in Bezug auf unser Land zu übernehmen.

Die andauernde Besatzung und Entrechtung sind keine inner-israelischen Angelegenheiten. Die anti-demokratische Herrschaft des Staates Israel über mehr als drei Millionen PalästinenserInnen, die kein Wahlrecht haben, und die Kriegsverbrechen, die in den besetzten Gebieten stattfinden, sind die Angelegenheit von allen, denen die Menschenrechte ein Anliegen sind. Vor allem aber tragen die BürgerInnen von Europa wegen ihrer – auch in der Gegenwart weiterhin stattfindenden – kolonialistischen Interventionen im Nahen Osten eine besondere Verantwortung für den Konflik. Angesichts dessen ist eine Scheu davor, Israel zur Verantwortung zu ziehen, unangebracht. Die ökonomische, militärische und politische Unterstützung, die Israel von der EU und besonderes von Deutschland erfährt – z.B. in Form von Waffenlieferungen und von Investitionen oder, indem Israel ein bevorzugter Status im Handelsabkommen mit der EU eingeräumt wird – fördern einen Friedensprozess nicht, sondern tragen zur Aufrechterhaltung der Besatzung und zur umfassenden Repression gegenüber der palästinensischen Bevölkerung bei. Außerdem verstärkt diese Unterstützung Militarisierungsprozesse und die Erziehung zu Rassismus und Intoleranz in unserer Gesellschaft.

Darüber hinaus bedürfte es angesicht der Schwäche der PalästinenserInnen eines stärkeren Drucks auf Israel seitens der Internationalen Gemeinschaft. Die stärkere Seite wird ohne wirksamen Druck ihre Postionen niemals aufgeben. Der Staat Israel hat immer wieder bewiesen, dass er nicht zu einem Friedensabkommen und zur Beendigung der Besatzung bereit ist, ohne dass im Ausland intensiv Druck seitens der Zivilgeselschaft und/oder der Regierungen ausgeübt würde.

Wir sind ermutigt durch Eure letzten Wahlerfolge und hoffen, dass Euer Erstarken dafür sorgt, in Sachen soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte, Feminismus und Anti-Rassismus in Deutschland eine neue Agenda auf die Tagesodnung zu bringen. Wir sind überzeugt, dass eine linke und solidarische Politik auch eine internationalistische Agenda haben muss, und wir erwarten, dass sich Eure Partei auch in diesem Bereich am weltweiten Dialog mit linken, antirassistischen und feministischen Kräften aktiv betätigt. Als Teil eines solchen Dialogs möchten wir unsere Postionen zur Politik Eurer Partei in Bezug auf den Konflikt in Israel/Palästina darstellen.

Wir sind der Auffassung, dass der Staat Israel für die Besatzung, die rassistische Seperation und die Kriegsverbrechen nicht belohnt und darin betärkt werden sollte. Nur eine internationale Politik, die Israel klarmacht, dass Verstöße gegen das Internationale Recht nicht zu akzeptieren sind, kann einen gerechten Frieden für alle BewohnerInnen des Landes bringen. Einige konkrete Forderungen, die Eure Partei stellen könnte, sind z.B:

  • die Einstellung aller deutschen Waffenexporte nach Israel. Waffenhandel ist ohnehin nicht zu rechtfertigen. Deutschland treibt nicht nur Handel mit einem Staat der systematisch gegen das Internationale Recht verstößt, sondern es verwöhnt Israel mit Geschenken in Höhe von Milliarden Euro und wurde kürzlich von Israel aufgefordert, ihm zwei Kriegsschiffe zu schenken.
  • die Verhinderung der Aufwertung der Handelsabkommen zwischen der EU und Israel. Deutschland und andere Mitgliedsstaaten der EU versuchen, diese Handelsabkommen mit Israel weiter aufzuwerten, obwohl solche Abkommen die Respektierung elementarer Menschenrechte im Partnerland fordern. Während in Europa eine solche Intensivierung der Beziehungen als Verbesserung des Vertrauensverhältnisses zwischen Israel und der EU betrachtet wird, fasst Israel solche Schritte als Schwäche der EU und als Ermutigung auf, weiterhin gegen die Menschenrechte zu verstoßen.
  • ein allgemeines Importverbot für israelische Produkte in die EU, die ganz oder teilweise in den besetzten Gebieten (inklusive Ost-Jerusalem) produziert werden.
  • die Förderung von Gerichtsverfahren gegen die Täter bei Kriegsverbrechen in Israel/Palästina und die Umsetzung der Empfehlungen des Goldstone-Berichts.
  • die Unterstützung von Organisationen und AktivistInnen der Zivilgesellschaft in Israel/Palästina und vor allem des gewaltfreien und basisdemokratischen Widerstands gegen die Mauer und die Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Abgesehen von diesen Vorschlägen hoffen wir, dass Eure Partei sich erfolgreich darum bemühen wird, in Deutschland eine Debatte über die Bedeutung der deutschen Verantwortung für das Geschehen im Nahen Osten zu initiieren. Es sollte eine Debatte sein, die aus einer historischen und aktuellen Sicht, die alle BewohnerInnen der Region gleichermaßen berücksichtigt, eine Politik des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit und der Menschenrechte fördert. Wir würden uns freuen, zusammen mit unseren palästinensischen GenossInnen und Partnern an den Debatten in Eurer Partei über das Geschehen in unserer Region teilzunehmen und hoffen, dass dieser Brief zu einem fruchtbaren und gleichberechtigen Dialog zwischen der Linken in Deutschland und der Linken in Israel/Palästina beiträgt.

Mit solidarischen Grüßen

Miriam Abed-El-Dayyem

Iris Hefetz

Yael Politi

Gadi Algazi

Hanan Hever

Israel Puterman

Udi Aloni

Shir Hever

Hili Razinsky

Galit Altschuler

Chaya Hurwitz

Moshe Robas

Hila Amit

Hedva Isachar

Shadi Rohana

Roey Angel

Matan Israeli

Yehoshua Rosin

Asaf Angermann

Matan Kaminer

Noga Rotem

Reuven Avergil

Reuven Kaminer

Eddie Saar

Gabriel Ash

Adam Keller

Sergeiy Sandler

Danna Bader

Hava Keller

Gal Schkolnik

Roni Bande

Peretz Kidron

Ayala Shani

Yoav Beirach Barak

Assaf Kintzer

Shemi Shabat

Ronnie Barkan

Yana Knopova

Aviram Shamir

Yossi Bartal

Yael Lerer

Tali Shapiro

Ofra Ben-Artzi

Orly Lubin

Fadi Shbeta

Mor Ben Israel

Adi Maoz

Ehud Shem Tov

Elaenor Cantor

Eilat Maoz

Yehuda Shenhav

Shai Carmeli Pollack

Naomi Mark

Mati Shemoelof

Alex Cohn

Anat Matar

Kobi Snitz

Adi Dagan

Hagai Matar

Gideon Spiro

Silan Dallal

Edu Medicks

Roy Wagner

Yossi David

Yosefa Mekayton

Michael Warschawski

Daniel Dokarevich Argo

Inna Michaeli

Sharon Weill

Keren Dotan

Rotem Mor

Maya Wind

Ronen Eidelman

Susanne Moses

Yossi Wolfson

Nimrod D. Evron

Avital Mozes

Uri Yaakobi

Eli Fabrikant

Dorothy Naor

Sergio Yahni

Tamar Freed

Naama Nagar

Kim Yuval

Michal Givoni

Ido Nahmias

Michal Zak

Bilha Sündermann Golan

Regev Nathansohn

Shimri Zameret

Tsilli Goldenberg

Ofer Neiman

Mai Zeidani

Anat Guthmann

Norah Orlow

Talilla Ziffer

Connie Hackbarth

Hava Oz

Beate Zilvesmidt

Yuval Halperin

Einat Podjarni

Moshe Zuckermann

Auszug eines Leserkommentars:

5 thoughts on “Fundstück aus Israel: Ein offener Brief an die LINKE(N) in Deutschland

  1. Wenn die Palästinenser die Waffen niederlegen ist morgen Frieden. Wenn die Israelis die Waffen niederlegen, gibt es Israel morgen nicht mehr.

    Solche Ketten tragen Palis:

    http://rungholt.wordpress.com/2010/10/30/einstaatenlosung/

    Es ist kein Geheimnis, dass die Araber nicht ruhen werden bis Israel von der Landkarte verschwunden ist. Es ist auch eine Trivialität den Frieden in Nahost zu „fordern.“

    Die Linken sind so witzig. Menschen, die ihre Väter bestraft haben, weil sie Antisemiten waren üben sich im Antisemitismus.

    Wie man sehen kann haben die Israelis die gleichen kulturzersetzenden Elemente in ihrer Gesellschaft wie wir in unserer. Sie werden so lange von Verbrechen sprechen, bis wir uns der Aggression unserer Feinde bedingungslos ergeben. Das ist die Konsequenz des linken Pazifismus!

  2. 1. Zum Israel-Palästinenser Konflikt wie zu allen anderen Dauerkonflikten auch, ist zu sagen: Wenn Zwei sich streiten freut sich oftmals ein Dritter! Der militärisch-industrielle Komplex z.Bs!

    2. Zitat Ustiomov: „Krieg ist Terror der Reichen und Terror ist Krieg der Armen“ Das trifft ja auf den Israel-Palästina Konflikt ganz gut zu. Der Hamas wären Jagdbomber und Panzer auch lieber wie Selbstmordattentäter…

    3. War die Hamas eine Gründung des israelischen Geheimdienstes als Gegegngewicht zur Al-Fatah wobei wir wieder bei: „wenn Zwei sich streiten…“ wären… Das angewandte herrschaftsprinzip lautet in diesem Fall: „Teile und herrsche!“

    4. mit dem Linkssein ist es schwerer wie rechts zu sein:

    Zitat Erich Fried:

    „Kinder und Linke

    Wer Kindern sagt
    Ihr habt rechts zu denken der ist ein Rechter
    Wer Kindern sagt
    Ihr habt links zu denken
    der ist ein Rechter

    Wer Kindern sagt
    Ihr habt gar nichts zu denken
    der ist ein Rechter
    Wer Kindern sagt
    Es ist ganz gleich was ihr denkt
    der ist ein Rechter

    Wer Kindern sagt
    was er selbst denkt
    und ihnen auch sagt
    dass daran etwas falsch sein könnte
    der ist vielleicht
    ein Linker“

    und noch ein Gedicht von Erich Fried in diesem Zusammenhang Links Rechts…

    „Wenn ein Linker denkt
    daß ein Linker
    bloß weil er links ist
    besser ist als ein Rechter
    dann ist er so selbstgerecht
    daß er schon wieder rechts ist
    Wenn ein Rechter denkt
    daß ein Rechter
    bloß weil er rechts ist
    besser ist als ein Linker
    dann ist er so selbstgerecht
    daß er schon rechtsradikal ist

    Und weil ich
    gegen die Rechten
    und Rechtsradikalen bin
    bin ich gegen
    Linke
    die denken
    daß sie besser sind
    als die Rechten
    Und weil ich gegen sie bin
    denke ich manchmal
    ich habe ein Recht zu denken
    daß ich doch besser als sie bin“

    Und noch ein Wort zur Freiheit:

    „Herrschaftsfreiheit

    Zu sagen
    „Hier
    herrscht Freiheit“
    ist immer
    ein Irrtum
    oder auch eine Lüge:

    Freiheit
    herrscht nicht“

    das ist auch von Erich Fried…

    aber jetzt genug…
    einen schönen Tag auch noch
    WhiteHaven

  3. Die LINKE in Deutschland kämpft ja auch gegen die tägliche Unterdrückung der Millionen Türken in Deutschland, denen man die Bildung verweigert und den Ausbildungsplatz und den Respekt. Da kann sie doch auch eine Lanze für die Raketenbrigaden der Palästinenser brechen.

  4. @WhiteHaven,
    och bitte, was für ein Geschwurbel.
    Bleiben wir doch einfach bei den Tatsachen: Bekenne Dich heute als Linker, und Du darfst dich auf der „richtigen“ Seite fühlen als „Gutmensch“. Bekenne Dich als Rechter (meinetwegen auch als Konservativer, egal, das Urteil ist klar: Radikaler, Menschenverachter, Nazi); dann darfst Du Dir der Verfolgung sicher sein. Und das nennst Du einfacher?

  5. BERLIN – It is hard to accept the statements of the Christian Socialist Party leader in Germany, Horst Seehofer…
    It is difficult to accept that harsh statement, not only because it was made in a country with the turpitude of racism engraved on its forehead for eternal disgrace.

    http://www.haaretz.com/print-edition/opinion/israel-and-europe-are-still-racing-toward-racism-1.321534

    Das ist also die geschichtliche Vorstellung der israelischen Linken.

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